Göttinger Leineschafe

Seit 2016 sind wir im Besitz einer kleinen Leineschafherde.

 

Der Bock wie auch die Mutterschafe stammen alle von einem Schäfer aus dem Göttinger Land und wir freuen uns, durch die Züchtung dieser tollen Tiere zum Erhalt der vom Aussterben bedrohten Rasse beizutragen.

 

Die Tiere verbringen die meiste Zeit des Jahres auf der Weide. Im Winter holen wir sie in ihren großen Stall, damit wir im Frühjahr das Lammen begleiten können, um die Schafe anschließend wieder auf die Weide bringen zu können.

Während der Weidesaison sind die Schafe vor Wind- & Wettereinflüssen durch unser selbstgebautes Schafmobil geschützt.

Das Ablammen findet in der sicheren Atmosphäre des Stalles statt. Hier haben die Mütter und später auch die Lämmer alles was sie brauchen.

Begleitet werden unsere Leineschafe von zwei Heidschucken, die aus unserer vorherigen Herde stammen.


Leineschafe auf Hof Ilse:

Steckbrief und Rassebeschreibung

Bis in die sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts war das Leineschaf im Leinebergland und im Eichsfeld noch allgegenwärtig. Im Zuge des allgemeinen Agrarstrukturwandels verschwand es gänzlich aus der Region. Seit 1998 hat der Landschaftspflegeverband Landkreis Göttingen e. V. es sich zur Aufgabe gemacht, diese seltene Schafrasse in seinem Ursprungsgebiet wieder anzusiedeln und zu erhalten.

 

Mittelrahmiges weißes Schaf mit hoher Widerstandsfähigkeit gegen Witterungs- und Haltungseinflüsse und guter Eignung für die Hüte- und Koppelhaltung. Die ursprüngliche Heimat ist Südniedersachsen, längs der Leine und das Eichsfeld.

Der Kopf des weiblichen Schafes ist lang und schmal, der des Bockes kürzer und gröber. Beide Geschlechter sind hornlos. Für ein Landschaf gut bemuskelt. Das Vlies besteht aus einer weißen, langabwachsenden, dicht gestapelten Wolle mit 28 bis 36 Mikron. Kopf bis hinter die Ohren und Beine sind unbewollt. Pigmente sind unerwünscht.

Das Leineschaf verfügt über eine lange Brunstsaison.

Zuchtziele

Züchtung eines genügsamen, widerstandsfähigen Schafes. Eine ausreichende Bauchbewollung ist erwünscht. Körperfalten sind unerwünscht. Angestrebt wird ein langer Rumpf mit breitem Rücken und Becken, der von einem trockenen Fundament auf harten Klauen getragen wird. Neben einer guten Bemuskelung an Rücken und Keulen wird besonderer Wert auf Anpassungsfähigkeit, Härte und Marschfähigkeit gelegt. Die Erstzulassung ist ab einem Alter von ca. 8 Monaten möglich. Gute Muttereigenschaften, eine hohe Fruchtbarkeit und Milchleistung sowie Leichtlammigkeit, sind weitere Zuchtzielkriterien.

Geschichte

Entstehung der Rasse

Bei dem Leineschaf handelt es sich um eine Landschafrasse, die vermutlich auf das „Rheinisches Schaf“ im 19. Jahrhundert zurückzuführen ist. Es gehörte zu den robusten und anspruchslosen Landrasseschlägen. Seit 1906 existierte mit Unterstützung der Landwirtschaftskammer Hannover ein einheitliches Zuchtziel. Für eine kontinuierliche Zucht der Leineschafe wurden damals Elite- bzw. Stammherden insbesondere im südniedersächsischen Raum eingerichtet. Das Zuchtgebiet lag flächendeckend entlang der Hügel des Leineflusses – von dem der Rassename stammt - vom thüringischen Eichsfeld über Göttingen bis Hannover (siehe Grafik). Hier beweideten die Herden der Guts- und Genossenschaftsschäfereien die hängigen Hutungen, die Wegränder und die Stoppelfelder der Ackerbaugebiete. Bis 1937 hatte sich die Population des Leineschafes in seinem Verbreitungsgebiet bis auf etwa 70.000 Tiere vergrößert.

 

Rückgang der Schafhaltung in Deutschland

Nach dem 2. Weltkrieg setzte ein starker Wandel in der Schafzucht ein. Die Intensivierung der Landwirtschaft mit dem zunehmenden Einsatz von Mineraldünger und dem gleichzeitigen Verfall der Wollpreise machten die Schafhaltung zunehmend unattraktiv. Dies führte in den Dörfern zu einer beschleunigten Aufgabe der Guts- und Genossenschaftsherden in deren Folge die Schafbestände rasant abnahmen.

 

In die verbliebenen Leineschafherden wurden seit Anfang der 1960-ziger Jahre in Westdeutschland Fleischschafe (Texel- und Schwarzkopf-) eingekreuzt zur Verbesserung der Schlachtkörper der Tiere. Das Leineschaf in seiner damaligen Form war nicht überlebensfähig. Innerhalb kürzester Zeit setzte eine bedrohliche Verdrängungskreuzung ein. Aus diesem Grunde erstellten 1967 die Tierzucht der Universität Göttingen und der Landesschafzucht-verband Niedersachsen ein neues Zuchtprogramm zur Verbesserung der Leistungen des Leineschafes. Kombinationskreuzungen bis Ende der 1970-ziger mit den fleischreicheren Texelschafen und den fruchtbareren und milchergiebigeren Ostfriesischen Milchschafen führten zu einem neuen schwereren Typ des Leineschafes in Niedersachsen, welches seit 1979 vom Verband der Dt. Landesschafzuchtverbände VDL als Fleischschaf bis ins Jahr 2016 geführt wurde untern dem Rasseschlüssel 10.

 

Aussterben der Landrassen in der DDR

Im Ostdeutschen Bezirk Erfurt der früheren Deutschen Demokratischen Republik, zu dem auch das Obereichsfeld gehörte, gab es 1960 noch 33.000 Leineschafe. Wegen zu geringer Woll- und Fleischleistung und administrativen Vorgaben der SED-Zuchtleitungen zur Haltung von wirtschaftlicheren Merinorassen in den neu geschaffenen Tierzuchtkombinaten der DDR ging die Nachfrage nach Leineschafen innerhalb der 1960-ziger Jahre rapide zurück. Nur ein sehr kleiner Restbestand von nicht mehr reinrassigen Leineschafen überlebte im Erfurter Zoo. Frau Heide-Rose Thulke und der NABU Leipzig sorgten dafür, dass diese Tiere (1 Bock + 12 Muttern) 1992 zur Beweidung geschützter Biotope in Sachsen in Pension genommen wurden. Mit ihnen startete eine neue Leineschafzucht in Ostdeutschland. Zur Reproduktion verhalfen weitere Zuchttiere aus dem, bis 2002 noch in Polen vorhandenen, Leineschafbestand einer staatlichen Zuchtherde in Cerkwica.

 

Überlebt hinterm ‚Eisernen Vorhang’ in Polen & Rückimporte nach Deutschland

Aufgrund von Kriegsreparationszahlungen an Polen wurden in den 1950-ziger Jahren etwa 1500 Leineschafe aus Südniedersachsen nach Polen verbracht. Diese wurden dort in stattlichen Zuchtbetrieben erhalten und dienten der Verbesserung der Landeszucht.

1992 waren im verbliebenen Zuchtbetrieb Cerkwica bei Stettin noch 2000 Mutterschafe der ‚Rasa Leine’ im Zuchtbuch eingetragen. Diese Herde schrumpfte in der Umbruchphase des Ostblocks jedoch rapide, so dass 10 Jahre später keine Tiere mehr vorhanden waren.

Dr. Schmidt, damaliger Zuchtleiter beim Landesschafzuchtverband Niedersachsen und einige Züchter aus dem Bezirk Lüneburg (u.a. Alfred Jahns, Rippdorf) suchten 1987 aus der polnischen Herde in Cerkwica sechs Lammböcke aus, die in der Folge der züchterischen Konsolidierung der Rasse bei den Hannoverschen Leineschafen dienten.

Einige Jahre später, Anfang der 1990-ziger Jahre, stellte Dr. Hans-Georg Thulke von der Universität Leipzig für die Zuchtverbände Sachsen und Thüringen die Kontakte zu dem polnischen Zuchtbetrieb in Cerkwica her, in derer Folge erreichten mehrere Rückimporte aus diesem Zuchtbetrieb in der Zeit von 1993 bis 1999 Ostdeutschland, insgesamt etwa 30 Zuchtböcke und 85 weibliche Jungschafe, die der Begründung von Leineschafzuchten im ursprünglichen Landrasse-Typ in den jeweiligen ostdeutschen Ländern dienten. Aufgrund der geringen Anzahl rückimportierter polnischer Mutterschafe nahmen einige Züchter vor 20 Jahren zusätzlich hannoversche Leineschafe als Grundlage für die dann beginnende Verdrängungszucht mit polnischen Vatertieren zur Hilfe.

Bei einem gemeinsamen, von der GEH und den Zuchtverbänden organisierten, Treffen 1995 in Auterwitz bei Leipzig entschied man sich die neuen Leineschafzuchten, mit vorrangig polnischer Genetik, zunächst getrennt im Herdbuch zu führen unter dem Rasseschlüssel 29 als ‚Leineschaf im ursprünglichen Typ‘. Diese Systematik wurde in Sachsen und Thüringen bis zum Jahr 2016 beibehalten.

 

Wiederansiedlung des Leineschafes im südlichen Niedersachsen

Im Ursprungsgebiet des Leineschafes, dem Leinebergland, sind auf Initiative des Göttinger Landschaftspflegeverbandes seit 1998 Leineschafzuchten ganz neu aufgebaut worden. Aktuell halten hier elf Züchter wieder etwa 600 Leineschaf-Herdbuchtiere.

Als Ausgangsbasis der Zuchten dienten vorrangig weibliche Thüringer Zuchttiere und einige sächsische und polnische Importböcke‚ alle ‚im ursprünglichen Landrassetyp‘. Hingegen wurden die Nachzuchten dieser Leineschafe von Anfang an in Niedersachsen aber unter dem Rasseschlüssel 10 bei den Fleischschafen eingetragen. Diese führte zu einer heutigen Situation, dass in Niedersachsen beide genetischen Rassetypen des Leineschafes etwa je zur Hälfte der Tierzahlen vorkommen, hingegen sie alle bis Mitte 2016 als ‚Fleischschafe‘ geführt wurden.

Dieser unklare und wenig transparente Zustand mit zwei Rassetypen des Leineschafes in Deutschland, wo die Einstufung der Leineschaf-Zuchttiere nach dem jeweiligen Bundesland vergeben wurde, konnte so nicht länger bestehen bleiben, zumal auch in den übrigen Zuchtgebieten in Niedersachsen im letzten Jahrzehnt zunehmend Böcke aus Thüringen und Sachsen zur Blutauffrischung eingesetzt wurden.

Diese Durchmischung der zwei Typen vom Leineschaf in Deutschland ist in den letzten 20 Jahren Realität geworden und war der Anlass für ein bundesweites Züchtertreffen am 5. April 2016 in Relliehausen auf dem Versuchsgut der Universität Göttingen. Als Ergebnis dieser Tagung, insbesondere vor der Betrachtung und Beurteilung der genetischen Herkunft der aktuellen Population der Leineschafe, kam die Versammlung zu dem einstimmigen Beschluss der Zusammenführung der bisherigen zwei Typen des Leineschafes zu einem Rassetyp Landschaf mit einer neu verabschiedeten Zuchtzielbeschreibung.

 

 

Infod von: www.lpv-goettingen.de